Das Homeoffice gilt für viele als Inbegriff von Flexibilität und Selbstbestimmung. Kein Pendeln, keine Großraumbüro-Geräusche, der eigene Rhythmus. Und trotzdem berichten viele Menschen nach Wochen oder Monaten im Homeoffice von einem Gefühl, das sich schwer benennen lässt: weniger Energie, weniger Ideen, weniger Verbindung zur Arbeit.
Das ist kein Zufall und meist auch kein persönliches Versagen. Es hat oft mit dem Ort selbst zu tun und damit, was er mit uns macht. Die Forschung zu diesem Thema hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, und die Ergebnisse sind überraschend konsistent.
Was eine Studie der Universität Michigan herausfand
Gretchen Spreitzer, Professorin für Management an der University of Michigan, und ihre Kollegen Peter Bacevice und Lyndon Garrett haben in einer vielbeachteten Studie mehrere Hundert Coworker aus Dutzenden Spaces in den USA untersucht. Das Ergebnis, veröffentlicht im Harvard Business Review (2015), überraschte die Forschenden selbst: Menschen, die in Coworking Spaces arbeiten, gaben Werte für das sogenannte "Thriving" – ein Maß für Vitalität und Lernbereitschaft bei der Arbeit – an, die im Schnitt bei fast 6 auf einer 7-Punkte-Skala lagen.
Das ist mindestens einen Punkt höher als der Durchschnitt vergleichbarer Studien mit Büroangestellten in klassischen Arbeitsumgebungen. Spreitzer schreibt, die Forscher hätten die Daten zunächst noch einmal überprüft, weil das Ergebnis so unerwartet war. Es stimmte.
Drei Faktoren erklären laut der Studie, warum Coworker so häufig aufblühen: Sie erleben ihre Arbeit als bedeutsam. Sie haben ein hohes Maß an Autonomie, weil sie selbst entscheiden, wann und wie sie arbeiten. Und sie sind Teil einer bewusst gestalteten Gemeinschaft, ohne die sozialen Verpflichtungen eines klassischen Unternehmens.
Warum wir in Gesellschaft oft konzentrierter arbeiten
Nicht nur der Arbeitsplatz selbst beeinflusst unsere Konzentration, sondern auch die Menschen um uns herum. Viele kennen das Gefühl, in einer Bibliothek, einem Café oder einem geteilten Workspace überraschend fokussiert arbeiten zu können – obwohl dort andere Menschen anwesend sind. Die Psychologie bietet dafür verschiedene Erklärungsansätze.
Einer davon ist der sogenannte Mere-Presence-Effekt. Er beschreibt, dass allein die Anwesenheit anderer Menschen unser Verhalten beeinflussen kann – selbst wenn keine direkte Interaktion stattfindet.
Übertragen auf Coworking bedeutet das: Wer in einem Raum arbeitet, in dem auch andere konzentriert ihren Aufgaben nachgehen, nimmt unbewusst soziale Signale wahr. Der Raum vermittelt: Hier wird gearbeitet. Das kann vielen Menschen dabei helfen, selbst fokussiert zu bleiben und Ablenkungen leichter auszublenden.
Ähnliche Erfahrungen berichten viele Menschen auch aus Bibliotheken oder Cafés, in denen die Arbeitsatmosphäre häufig als motivierend empfunden wird. Coworking Spaces schaffen einen vergleichbaren Rahmen – allerdings mit dem Unterschied, dass die Umgebung gezielt für konzentriertes Arbeiten gestaltet ist.
In klassischen Coworking Spaces gibt es eine Art Co-Disziplin: Man sieht, dass andere konzentriert sind, und das wirkt regulierend auf das eigene Verhalten. Das ist kein sozialer Druck im negativen Sinne, sondern eine sanfte Struktur von außen, die vielen Menschen hilft.
Was die Zahlen über Einsamkeit im Homeoffice sagen
Laut dem TK-Einsamkeitsreport 2024, einer repräsentativen Forsa-Befragung im Auftrag der Techniker Krankenkasse, vermissen 42 Prozent der Homeoffice-Tätigen den persönlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Zum Vergleich: Bei Beschäftigten, die überwiegend im Büro arbeiten, sind es nur 12 Prozent.
Diese Lücke ist größer, als viele erwarten würden. Sie zeigt, dass soziale Verbindung am Arbeitsplatz kein Nice-to-have ist, sondern ein strukturelles Bedürfnis, das sich durch Videokonferenzen und Chat-Nachrichten nur teilweise erfüllen lässt. Wer allein arbeitet, muss diese Verbindung aktiv suchen und aufbauen. Wer in einem gemeinsamen Umfeld arbeitet, bekommt sie beiläufig – durch den kurzen Austausch beim Kaffee, den Blickkontakt auf dem Flur, das Wissen, dass andere da sind.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Die Forschung legt nahe, dass es keine ist.
Sinn und Identität: Warum Coworker ihre Arbeit anders wahrnehmen
Ein weiterer Befund aus der Spreitzer-Studie verdient besondere Aufmerksamkeit: Coworker bewerten ihre Arbeit häufiger als bedeutsam als klassische Büroangestellte. Das liegt laut den Forschenden nicht vorrangig an der Art der Arbeit selbst, sondern an der Umgebung, in der sie stattfindet.
In einem Coworking Space arbeiten Menschen aus ganz verschiedenen Branchen und Kontexten nebeneinander. Man sieht, was andere tun. Man erklärt selbst, woran man arbeitet. Diese permanente leichte Sichtbarkeit der eigenen Arbeit – kombiniert mit einer Umgebung, in der alle offensichtlich etwas vorhaben – könnte das Gefühl, an etwas Relevantem zu arbeiten, verstärken.
Gleichzeitig bleibt das, was in einem klassischen Büro oft Druck erzeugt, weitgehend weg: politische Hierarchien, Konkurrenzdenken zwischen Kollegen, die Erwartung, immer erreichbar zu sein. Coworker befinden sich in einer Nicht-Konkurrenzsituation mit den Menschen um sie herum. Das schafft eine Atmosphäre, die nach Beschreibung vieler Nutzer sowohl motivierend als auch entspannend wirkt.
Was das für die Auswahl des Arbeitsorts bedeutet
Coworking ist nicht für jeden die richtige Antwort. Wer zuhause gut arbeitet, ruhig denken kann und soziale Kontakte anderweitig hat, braucht keinen Workspace. Und es gibt Aufgaben, die Abgeschlossenheit und Stille brauchen, die ein offener Coworking-Bereich nicht immer bieten kann.
Aber wer merkt, dass das Homeoffice auf Dauer zehrt – nicht an der Produktivität im engeren Sinne, sondern an der Energie, der Freude, dem Gefühl, zu etwas zu gehören – sollte die Umgebung als Ursache ernst nehmen. Die Forschung zeigt, dass dieser Zusammenhang real ist. Wohlbefinden und Leistung sind keine getrennten Fragen. Sie sind in vielen Fällen eng miteinander verbunden.
Was Spreitzer und ihre Co-Autorinnen abschließend formulieren, fasst das gut zusammen: In Coworking Spaces scheinen Menschen nicht nur produktiver zu sein. Sie scheinen mehr sie selbst zu sein.
Was das am Factory Campus bedeutet
Am Factory Campus in Düsseldorf-Lierenfeld arbeiten Menschen aus über 30 Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Größen auf einem gemeinsamen Gelände. Wer einen Coworking-Platz mietet – ob Fantastic Flat oder Fix Desk – ist Teil dieser Gemeinschaft, ohne dazu verpflichtet zu sein: keine erzwungenen Netzwerktermine, keine Pflichtveranstaltungen, keine sozialen Erwartungen über das hinaus, was man selbst sucht.
Die Begegnungen passieren, weil der Raum sie möglich macht. Das Bistro, die Lounge, die gemeinsamen Flächen: Sie sind so gestaltet, dass zufälliger Austausch entsteht, wenn man ihn sucht, und konzentriertes Arbeiten möglich ist, wenn man es braucht.
Alle Infos zu Coworking-Optionen und Preisen gibt es in der Preisübersicht. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Jeden Donnerstag beim Open Space Day einfach vorbeikommen, zwischen 8 und 20 Uhr, keine Anmeldung nötig.
QUELLEN
Spreitzer, G., Bacevice, P. & Garrett, L. (2015). Why People Thrive in Coworking Spaces. Harvard Business Review, September 2015.
Oswald, A., Proto, E. & Sgroi, D. (2015). Happiness and Productivity. Journal of Labor Economics, 33(4), 789–822.
Techniker Krankenkasse (2024). TK-Einsamkeitsreport 2024. Forsa-Befragung, November 2024.
Deskmag / Global Coworking Survey (2. Ausgabe). Mehrere Erhebungswellen seit 2011.