Psychologische Sicherheit im Arbeitskontext: Was die Forschung sagt

2012 startete Google ein internes Forschungsprojekt mit einer simplen Frage: Was macht manche Teams deutlich besser als andere? Nicht besser besetzt, erfahrener oder technisch kompetenter, sondern besser in dem, was sie gemeinsam leisten.

 

Das Projekt trug den Namen Project Aristotle, angelehnt an das Zitat des Philosophen „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Zwei Jahre lang analysierten Forscherinnen und Forscher aus dem People-Analytics-Team von Google 180 interne Teams anhand von über 250 Merkmalen: Teamgröße, Seniorität, Persönlichkeitsmerkmale, gemeinsame Interessen, Arbeitszeiten, Kommunikationsmuster. Das Ergebnis, 2015 von Julia Rozovsky auf dem re:Work-Blog von Google veröffentlicht, überraschte viele: Wer im Team sitzt, spielt eine deutlich geringere Rolle als wie das Team zusammenarbeitet.

 

Und der mit Abstand wichtigste Faktor für wirksame Zusammenarbeit war: psychologische Sicherheit.

 

Was psychologische Sicherheit ist und was nicht

Der Begriff geht zurück auf Amy Edmondson, Professorin für Leadership and Management an der Harvard Business School. Bereits 1999 definierte sie psychologische Sicherheit als die geteilte Überzeugung in einem Team, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen.

 

Konkret bedeutet das: Jemand stellt eine Frage, ohne Angst, als inkompetent zu gelten. Jemand weist auf einen Fehler hin, ohne Strafe zu befürchten. Jemand widerspricht einer Idee, ohne als schwierig zu gelten. Diese Dinge klingen selbstverständlich. In der Praxis sind sie es oft nicht.

 

Wichtig ist, was psychologische Sicherheit nicht bedeutet: Sie ist kein Konzept für Harmonie oder Konfliktfreiheit. In einem psychologisch sicheren Team wird auch gestritten, kritisiert und hinterfragt. Der Unterschied liegt darin, dass diese Prozesse ohne soziale Kosten stattfinden. Niemand schweigt, weil er Konsequenzen fürchtet.

 

Edmondson hat das in einer frühen Studie auf Krankenstationen gezeigt. Ihre ursprüngliche Hypothese war: Bessere Teams machen weniger Fehler. Das Ergebnis war das Gegenteil. Die besten Teams meldeten die meisten Fehler, weil sie eine Kultur hatten, in der Fehler offen kommuniziert wurden, statt versteckt zu bleiben. Das war nicht Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.


Was Project Aristotle bestätigte

Googles Forschungsteam stieß zunächst auf dasselbe Problem wie viele andere: Die Zusammensetzung der Teams erklärte die Leistungsunterschiede nicht. Weder technische Fähigkeiten, noch Bildungshintergrund, noch Seniorität korrelierten zuverlässig mit Teamleistung. Erst als der Fokus von den Eigenschaften der Einzelpersonen auf die Dynamik des Teams verlagert wurde, wurden Muster sichtbar.

 

Die leistungsstärksten Teams bei Google waren jene, in denen sich Mitglieder sicher fühlten, Risiken einzugehen, Ideen zu äußern und Fehler zuzugeben, ohne negative soziale Konsequenzen. Psychologische Sicherheit war unter fünf identifizierten Schlüsselfaktoren der stärkste Prädiktor für Teameffektivität, noch vor Verlässlichkeit, Struktur oder dem Gefühl von Sinnhaftigkeit.


"Kann ich in diesem Team ein Risiko eingehen, ohne mich zu blamieren?" Diese Frage beantworten Teammitglieder laut Googles Forschung permanent stillschweigend. Wenn die Antwort "Nein" lautet, sinken Innovation, Lernbereitschaft und Leistung.

Warum das schwieriger ist als es klingt

Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch eine Ansprache beim nächsten All-Hands oder durch ein neues Leitbild an der Wand. Sie entsteht durch Muster im Alltag: Wie reagiert die Führungskraft, wenn jemand einen Fehler eingesteht? Wird eine abweichende Meinung im Meeting aufgegriffen oder beiseitegelegt? Wer spricht im Team, und wer schweigt?

 

Edmondson beschreibt in ihrer Forschung, dass Führungsverhalten einer der stärksten Hebel für psychologische Sicherheit ist. Führungskräfte, die Neugier zeigen statt Urteile fällen, die eigene Unsicherheiten benennen und aktiv nach anderen Perspektiven fragen, schaffen Bedingungen, in denen auch andere sich öffnen. Das Gegenteil, eine Kultur, in der Kritik mit Unbehagen oder Konsequenzen verbunden ist, entsteht oft schleichend und wird selten explizit kommuniziert.

 

Ein weiterer unterschätzter Faktor: Psychologische Sicherheit ist keine Eigenschaft einzelner Personen, sondern eine Eigenschaft des Teams. Sie kann in einem Team stark ausgeprägt sein und im Nachbarteam desselben Unternehmens kaum vorhanden. Das bedeutet auch, dass sie sich gezielt gestalten lässt, auch wenn das Zeit braucht.

 

In der Meta-Analyse von Frazier und Kolleginnen (2017, Personnel Psychology), die Dutzende Einzelstudien zusammenführte, zeigte sich: Psychologische Sicherheit ist mit höherem Engagement, mehr Lernverhalten und stärkerer Teamleistung verbunden. Der Effekt ist robust über verschiedene Branchen und Kontexte hinweg.


Was die Forschung über konkrete Maßnahmen sagt

Edmondson und andere Forschende haben untersucht, welche Verhaltensweisen psychologische Sicherheit im Alltag stärken. Einige Muster sind dabei besonders konsistent belegt.

 

Neugier statt Bewertung zeigen

Wenn jemand eine Idee einbringt oder ein Problem benennt, entscheidet die erste Reaktion darüber, ob das Verhalten wiederholt wird. Führungskräfte, die mit Rückfragen antworten statt mit sofortigen Urteilen, signalisieren: Hier ist Raum für Gedanken, die noch nicht fertig sind.

 

Fehler sichtbar machen, nicht verbergen

In psychologisch sicheren Teams werden Fehler nicht verschwiegen, sondern besprochen. Das setzt voraus, dass Fehler nicht bestraft werden. Führungskräfte, die eigene Fehler offen ansprechen, zeigen, dass das möglich ist. Dieser Effekt lässt sich direkt auf das Team übertragen.

 

Beteiligung aktiv einfordern

In vielen Teams dominieren wenige Stimmen. Das hat selten damit zu tun, dass andere nichts beizutragen hätten. Es hat damit zu tun, dass der Raum nicht explizit geöffnet wird. Direkte Fragen an konkrete Personen, ruhige Pausen nach Beiträgen und Formate, in denen Meinungen ohne sofortige Reaktion gesammelt werden, verändern das über Zeit.


Was der Arbeitsort damit zu tun hat

Psychologische Sicherheit ist primär eine Frage von Kultur und Führung, nicht von Quadratmetern. Und trotzdem hat der physische Arbeitsort einen Einfluss, der in der Forschung weniger diskutiert wird, aber real ist.

Ethan Bernstein (Harvard Business School) hat in mehreren Studien gezeigt, dass offene Großraumbüros, in denen jedes Gespräch von allen gehört wird, paradoxerweise dazu führen können, dass Menschen weniger, nicht mehr kommunizieren. Wer sich beobachtet fühlt, filtert.

 

Rückzugsmöglichkeiten, abschließbare Räume für vertrauliche Gespräche und Bereiche, in denen informeller Austausch stattfinden kann, ohne dass jeder zuhört, unterstützen psychologische Sicherheit strukturell.

Nicht als Ersatz für Führungskultur, aber als Rahmen, der sie leichter macht.

Ein Workspace, der verschiedene Arbeitsmodi ermöglicht, konzentrierte Einzelarbeit, offene Zusammenarbeit, vertrauliche Gespräche, gibt Teams mehr Kontrolle darüber, wie und wo sie kommunizieren. Das ist ein Faktor, der bei der Wahl eines Bürostandorts selten bedacht wird, aber im Alltag wirkt.

 

Am Factory Campus in Düsseldorf arbeiten Unternehmen in abschließbaren Büros mit Zugang zu Gemeinschaftsflächen und buchbaren Konferenzräumen. Alle Infos gibt es in der Preisübersicht. Für einen persönlichen Eindruck einfach einen Besichtigungstermin vereinbaren.