Zufällige Gespräche, die zählen: Warum die besten beruflichen Verbindungen ungeplant entstehen

Netzwerken hat ein Imageproblem. Der Begriff ruft Bilder von Visitenkartenrunden, kalten LinkedIn-Nachrichten und Konferenz-Smalltalk hervor, bei dem beide Seiten wissen, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Trotzdem wird Netzwerken als Karrierestrategie gepredigt, als wäre es eine Aufgabe, die man abhaken kann.

 

Die Forschung sieht das etwas anders.

 

Was ein Soziologe 1973 herausfand

Mark Granovetter, heute Professor emeritus an der Stanford University, veröffentlichte 1973 im American Journal of Sociology eine Studie, die bis heute zu den meistzitierten der Sozialwissenschaften gehört. Der Titel: „The Strength of Weak Ties."

 

Granovetters Argument war zunächst kontraintuitiv: Die wertvollsten Verbindungen für berufliche Chancen sind nicht die engen, vertrauten Beziehungen, also Freunde, Familienmitglieder oder enge Kollegen. Sondern die losen, flüchtigen Bekanntschaften: der frühere Kommilitone, den man gelegentlich auf einer Veranstaltung trifft. Die Person aus einer anderen Abteilung, mit der man ab und zu spricht. Der Kontakt aus einem anderen Berufsfeld.

 

Der Grund: Enge Beziehungen bewegen sich oft in denselben sozialen Kreisen. Man kennt dieselben Menschen, erfährt von denselben Stellen, denkt über ähnliche Themen nach. Lose Verbindungen hingegen sind Brücken in andere Netzwerke. Sie bringen Informationen, Perspektiven und Möglichkeiten, die im engeren Kreis gar nicht existieren.

 

Granovetters Studien zu Jobwechseln zeigten, dass Menschen ihre neuen Stellen überproportional häufig über Bekanntschaften fanden, nicht über enge Freunde oder über formale Bewerbungskanäle.


Was das mit aktivem Netzwerken zu tun hat

Die Implikation ist unbequem für alle, die Netzwerken als strategische Aktivität betreiben: Gezieltes Netzwerken mit klar definierten Zielen führt tendenziell zu mehr von demselben. Man sucht die richtigen Kontakte und findet Menschen, die ähnlich denken, ähnliche Hintergründe haben, ähnliche Netzwerke mitbringen.

 

Was häufig unterschätzt wird, sind die Verbindungen, die nebenbei entstehen. Das Gespräch im Fahrstuhl. Die kurze Unterhaltung beim Kaffee. Die Begegnung auf dem Flur mit jemandem aus einer anderen Firma, den man nur dem Namen nach kennt. Diese Momente haben kein Agenda-Item. Genau deshalb können sie etwas leisten, was geplante Networking-Events selten können.


Granovetter nannte es die Stärke schwacher Bindungen. Lose Verbindungen sind keine schlechten Verbindungen. Sie sind oft die wertvollsten.

Warum das heute schwieriger geworden ist

Seit der Pandemie hat sich die Arbeitswelt in eine Richtung verschoben, die Granovetters Theorie eine neue Dringlichkeit gibt. Hybrides Arbeiten, verteilte Teams, Homeoffice: All das reduziert die Zahl zufälliger Begegnungen strukturell. Man sieht dieselben Menschen in denselben Videocalls. Die losen Bekanntschaften, die früher durch räumliche Nähe entstanden, entstehen seltener.

 

Das ist kein Argument gegen hybrides Arbeiten. Aber es ist ein Argument dafür, die Umgebungen ernst zu nehmen, in denen zufällige Verbindungen noch möglich sind.

 

Warum Coworking und gemeinsame Arbeitsorte Weak Ties fördern

Physische Arbeitsräume, in denen verschiedene Menschen aus verschiedenen Unternehmen und Branchen zusammenkommen, schaffen genau diese Gelegenheiten, nicht weil es vorgeschrieben ist, sondern weil der Raum es ermöglicht. Der kurze Austausch beim gemeinsamen Drucker ist kein Zeitverlust. Er ist, was Granovetter als weak tie beschreiben würde: eine Brücke in ein anderes Netzwerk.

 

Räume schaffen Begegnungen – Begegnungen schaffen Netzwerke

Granovetters Forschung zeigt, dass wertvolle berufliche Kontakte selten vollständig planbar sind. Sie entstehen dort, wo Menschen sich regelmäßig begegnen – oft ohne konkreten Anlass. Genau deshalb spielt die Gestaltung von Arbeitsumgebungen eine größere Rolle, als viele vermuten.

Am Factory Campus arbeiten Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen Tür an Tür. Man begegnet sich auf dem Weg zum Kaffee, in der Food Area, bei Community-Events oder in gemeinsam genutzten Arbeitsbereichen. Nicht jede dieser Begegnungen führt zu einer Zusammenarbeit. Aber genau darin liegt die Stärke schwacher Bindungen: Niemand weiß im Voraus, welches Gespräch später zu einer neuen Idee, einer Empfehlung oder einer Kooperation wird.

Ein Workspace kann solche Verbindungen nicht erzwingen. Er kann aber die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie überhaupt entstehen. Und manchmal beginnt genau dort die wertvollste berufliche Verbindung – ganz ohne Networking-Event.

 

 

QUELLEN

Granovetter, M. (1973). The Strength of Weak Ties. American Journal of Sociology, 78(6), 1360–1380.